← Zur MaschineEine interaktive Installation · Diplomarbeit 2002/03
Die Antwortmaschine
Ein Orakel, das deine Frage nicht versteht. Es kombiniert Ritual, Zufall und
mehrdeutige Bilder so, dass der Mensch selbst die Antwort erzeugt – und sie dennoch
der Maschine zuschreibt.
01 · Das Prinzip
Die Antwort entsteht zwischen Sender und Empfänger.
Die Ausgangsbeobachtung ist alltäglich: Ein schwaches Radiosignal liefert
Bruchstücke. Das Gehirn ergänzt, ordnet und erfindet daraus ein stimmigeres Lied.
Die Antwortmaschine systematisiert genau diese Ergänzungsleistung. Sie bietet
kein Wissen über die fragende Person. Sie bietet ein Gerüst, das diese unbewusst mit
eigenen Erinnerungen, Ängsten und Hoffnungen füllt.
0 %
Zieh den Regler. Der Satz bleibt derselbe.
02 · Drei Ebenen
Nicht eine Antwort. Ein Wahrnehmungssystem.
Das Werk verbindet drei Ebenen. Erst gemeinsam verwandeln sie zufällige
Fragmente in eine persönliche Prophezeiung. Schalte sie einzeln ab.
Es wirkt wie
03 · Das Orakel-Möbel
Das Möbel ist nicht Verpackung. Es ist das Interface.
Gebaut 2003 aus Holz. Jedes Maß ist eine Anweisung an den Körper,
bevor ein einziges Bild Bedeutung trägt.
Die Ziffern anwählen.
Das Mikrofon hört – aber versteht nicht. Es registriert die Frage als
akustisches Ereignis. Weder Spracherkennung noch semantische Analyse entscheiden über
die Antwort.
04 · Die Mechanik
Acht Schritte verwandeln einen Besucher in einen Fragenden.
05 · 22 VADs
22 Fragmente. Drei werden eins.
Nach mindestens fünf Sekunden Stille zieht die Maschine drei unterschiedliche
Video-Audio-Deutungs-Module. Die Frage wird nicht semantisch analysiert. Die Grenzen
zwischen den Modulen bleiben unsichtbar.
Die 22 Module folgen den Großen Arkana des Tarot – nicht als Wahrsagesystem,
sondern als vorhandenes Raster archetypischer Situationen.
Zieh mehrmals. Die Frage war nie beteiligt.
Einzelne Originalmodule enthalten Dunkelheit, Gewalt, Nacktheit
oder körperlich irritierende Motive.
06 · Warum eine Antwort zu entstehen scheint
Die Wirkung liegt im System – nicht in einem einzelnen Trick.
Vier Faktoren greifen ineinander. Nimm einen weg, und der Rest trägt nicht mehr.
Wahrgenommene Wirkung
Diese Darstellung ist ein Erklärmodell, keine Messung. Sie zeigt, wie die
Faktoren zusammenhängen, nicht wie stark sie wirken.
07 · Die Grenze
Die Maschine darf nicht glaubwürdiger werden als ihr Prinzip.
Sie versteht nicht.Sie sagt nicht voraus.Sie entscheidet nicht.
Sie ist ein Katalysator, der einen inneren Prozess in Gang setzt.
08 · Ableitung für den Browser
Die digitale Version darf den Raum nicht entfernen. Sie muss ihn übersetzen.
Eine reine Website kann das Original nicht materiell reproduzieren. Sie kann
jedoch seine Funktionen neu codieren.
Dunkler Raum → Viewport
Der Browser wird zum Ort.
Keine Website-Navigation während des Rituals. Licht, Ton und Bewegung bündeln die Aufmerksamkeit auf eine einzige Begegnung.
Knien → Perspektive
Die Kamera senkt sich.
Eine geführte räumliche Bewegung übersetzt die ursprüngliche Körperhaltung in eine digitale Blickposition.
Griffe → Zwei Hände
Halten statt klicken.
Zwei Tasten oder Kontaktflächen binden beide Hände. Loslassen bleibt ein sofortiger, selbstbestimmter Abbruch.
Mikrofon → Pegel
Hören ohne Verstehen.
Die Anwendung erkennt Aktivität und Stille, aber analysiert weder Sprache noch Bedeutung. Genau darin bleibt die künstlerische These erhalten.
Dieser Abschnitt ist eine zeitgenössische Gestaltungsableitung.
Er gehört nicht zum Originaltext von 2003.
09 · Mitwirkende
Die Arbeit war nie die eines Einzelnen.
Aus der Danksagung der Diplomarbeit, 2003 – in der Reihenfolge des Originals:
Hassan Agakhani · Till Bauer · Nira Botzkurt · Gregor Buchkremer · Eva Gödel · Paul B. Junk · Marianne Junk · Andreas Krings · Andrea Lange · Ulrike Mergemeier · Ulrich Möller · Prof. Dr. Heiner Mühlmann · Frederike Radtke · Ylva Raupach · Andreas Resch · Bernd Schöpkewitz · Tina Schöpkewitz · Arne Scheuermann · Stefan Scheer · Heike Sperling · Fabian Stückrath · Samuel Watanabe · Prof. Ursula Wevers · Sascha Wintjes
Dazu den in der Bibliografie genannten Autoren – und einem Orang-Utan
des Kölner Zoos.
„Alle Nichtgenannten bitte ich, das Versehen zu entschuldigen.“
Bibliografie
1Akron (Frey, C. F.), Banzhaf, H., 1998, Der Crowley TarotMünchen: Wilhelm Goldman Verlag
2Austin, J. H., 1999, Zen and the Brain, Toward an understanding of Meditation and ConsciousnessCambride, USA: MIT Press
3Birkenbihl, V. F., 2002, Das innere ArchivOffenbach: Gabal
4Blum, R., 1985, RunenMünchen: Heinrich Hugendubel Verlag
5Braun, R., 2003, Momentaufnahmen der ErleuchtungGeist und Gehirn Nr. 1, Heidelberg: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6Bruckner, P., 2001, Verdammt zum Glück – der Fluch der ModerneBerlin: Aufbau Verlag
7Büttner, J., 2001, Trance, Scharlatane und Schamanen. Die Psychologie außergewöhnlicher BewußtseinszuständeNorderstedt: BoD GmbH
8Coltheart, V., 1999, Fleeting Memories: Cognition of brief Visual StimuliCambridge, USA: MIT Press
9Csikszentmihalyi, M., 1999, Flow. Das Geheimnis des GlücksStuttgart: Klett-Cotta
10Dörner, D., 1989, Strategisches Denken in komplexen SituationenReinbek: Rowohlt Taschenbuchverlag
11Dugatkin, L. A., 2003, Tierische SiegertypenGeist und Gehirn Nr. 1, Heidelberg: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
12Ekman, P., 2001, Telling Lies. Clues to Deceit the Marketplace, Politics and Marriage.Norten, USA: W. W. & Company
13Eliot, L., 2001, Was geht da drinnen vor? Die Gehirnentwicklung in den ersten fünf LebensjahrenBerlin: Berlin Verlag
14Friedrich, G., Preiss, G., 2002, Lehren mit KöpfchenGeist und Gehirn Nr. 4, Heidelberg: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
16Hartmann, U., Schneider, U., Hinderk, M. E., 2002, Auf der Jagd nach dem GlückGeist und Gehirn Nr. 4, Heidelberg: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
17Hopcroft, J. E., Ullman, J. D., Einführung in die Automatentheorie, formale Sprachen und KomplexitätstheorieBonn: Addision-Wesley
18Klose, A., 2001, Sprachen der WeltMünchen: K.G. Saur Verlag
19Kraft, U., 2003, Kurze Beine? Haben wir alle!Geist und Gehirn Nr. 1, Heidelberg: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
20Lau, P., 2003, Weiter denkenBrand Eins, Heft 01, Hamburg: Brand Eins Verlag
21Lilly, J. C., 2000, Das Zentrum des Zyklons – Neue Wege der BewußtseinserweiterungAarau, CH: AT-Verlag
23Mühlmann, H., 1996, Die Natur der Kulturen: Entwurf einer kulturgenetischen TheorieWien, A: Springer
24Newberg, A., D’Aquili, E., Rause, V., 2001, Why God won’t go awayNew York: The Ballantine Publishing Group
25Nyberg, D., 1999, Lob der Halbwahrheit: Warum wir so manches verschweigenFrankfurt am Main: Fischer Taschenbuch
26Otto, J. H., Euler, H. A., Mandl, H., 2000, EmotionspsychologieWinheim: Beltz
27Roberts, J., 1974, The Nature of Personal Reality – A Seth-BookNew Jersey, USA: Prentice-Hall Inc
28Rolke, B., 2003, Ein Wort und seine FolgenGeist und Gehirn Nr. 1, Heidelberg: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
29Seelert, S.,Koczwara, T., 2000, Das Mythentor – Sagen und Mythen vieler VölkerRecklinghausen: http://www.mythentor.de/
30Schmidt, O., 2002, Nachwuchs im GehirnGeist und Gehirn Nr. 4, Heidelberg: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
31Tomasello, M., 2002, Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Zur Evolution der KognitionFrankfurt am Main: Suhrkamp Verlag
32Vollenweider, F. X., 2002, Zwischen Wahn und WirklichkeitGeist und Gehirn Nr. 4, Heidelberg: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
33Wilson, R. A., 1996, Der neue Prometheus – Die Evolution unserer IntelligenzReinbek: Rowohlt Taschenbuchverlag
34Zizek, S., 2002, Was sie immer schon über Lacan wissen wollten und Hitchcock nie zu fragen wagtenFrankfurt am Main: Suhrkamp Verlag
35Zizek, S., 1991, Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die MedienBerlin: Merve Verlag
36Zompro, A., 1999, Das Schwarze NetzElmshorn: http://www.sungaya.de/schwarz/index.html
37Hyman, R., Alcock, J., 1998, Syllabus for the Workshop on critical thinkingHeidelberg: 2nd World Skeptics Congress
aWahrig-Burfeind, Dr., R., 1991, Fremdwörter LexikonGütersloh: Bertelsmann Verlagsgruppe
bCrowley, A., 1997, Das Buch Thoth. Ägyptisches TarotNeuhausen, CH: Urania Verlags AG
Die Nummerierung folgt dem Original; die 22 ist dort nicht vergeben.
Impressum
Diese Diplomarbeit entstand im Jahr 2003 an der Bergischen Universität Wuppertal
im Fachbereich 5, betreut von Prof. Ursula Wevers und Prof. Dr. Heiner Mühlmann.